Lange hiess es in der Medizin «vulvovaginale Atrophie», ein Wort, das kaum jemand im Gespräch mit der Ärztin benutzen mag. 2014 schlugen eine internationale und eine nordamerikanische Fachgesellschaft einen neuen Namen vor, das urogenitale Menopausensyndrom (Portman und Gass, 2014). Gemeint sind Beschwerden, die mit dem sinkenden Östrogen an Vulva, Vagina, Harnröhre und Blase auftreten. Trockenheit, Brennen und Reizung gehören dazu, Schmerzen oder zu wenig Feuchtigkeit beim Sex, manchmal auch Harndrang. Je nach Studie haben 27 bis 84 % der Frauen nach der Menopause solche Beschwerden, schreibt die North American Menopause Society (NAMS) in ihrer Stellungnahme von 2020. Sie hält das Syndrom für zu selten erkannt und zu selten behandelt.
Inhalt
- Woher kommt die Trockenheit?
- Was ist der Unterschied zwischen Gleitmittel und Feuchtigkeitsgel?
- Welche Basis bei Trockenheit?
- Osmolalität und pH-Wert verstehen
- Die Inhaltsliste lesen
- Darf ich Körperlotion, Vaseline oder Öl nehmen?
- Wann zur Ärztin oder zum Arzt?
- Liegt es manchmal einfach an zu wenig Erregung?
- Toys, Pflege und die Schweizer Empfehlung
- Typische Fehler
Ein Gleitmittel löst davon einen Teil, nicht alles. Welcher Teil das ist, hängt davon ab, wofür du es brauchst, und davon, was drinsteckt.
Woher kommt die Trockenheit?
Oft von den Hormonen, aber keineswegs immer von den Wechseljahren. Der englische Gesundheitsdienst NHS nennt daneben Schwangerschaft und Stillzeit, hormonelle Verhütung, Antidepressiva, eine Entfernung der Gebärmutter, besonders zusammen mit den Eierstöcken, und Krebsbehandlungen. Dazu kommen parfümierte Seifen, Waschlotionen und Intimduschen, Krankheiten wie Diabetes oder das Sjögren-Syndrom. Und manchmal fehlt schlicht die Erregung.
Für die Wahl eines Produkts ist das wichtig. Wer mit 32 und Pille trocken ist, steht an einem anderen Punkt als jemand mit 56, dessen letzte Periode zwei Jahre zurückliegt. Beide greifen vielleicht zum selben Gel. Ob es reicht oder ob mehr dahintersteckt, beantwortet aber erst ein Blick auf die Ursache.
Was ist der Unterschied zwischen Gleitmittel und Feuchtigkeitsgel?
Vor allem der Zeitpunkt. Ein Gleitmittel kommt direkt vor dem Sex auf Vulva und Vagina, auf Penis, Finger oder Toy, und wirkt sofort, aber nur kurz. Ein vaginales Feuchtigkeitsgel, im Englischen «moisturizer», ist für den Alltag gedacht. Es wird laut einer Übersicht von Edwards und Panay je nach Ausprägung täglich bis alle zwei bis drei Tage angewendet, und seine Wirkung hält zwei bis drei Tage an. Der NHS nennt beides als etwas, das du selbst versuchen kannst.
| Gleitmittel | Feuchtigkeitsgel | |
|---|---|---|
| Wann | direkt vor und beim Sex | regelmässig, unabhängig vom Sex |
| Wie oft | bei Bedarf | täglich bis alle 2 bis 3 Tage |
| Wirkung | sofort, kurz | hält 2 bis 3 Tage |
| Wofür | Trockenheit und Schmerzen beim Sex | Trockenheit im Alltag |
| Bei uns | in mehreren Kategorien | kaum, einzelne Gleitgele beschreibt der Lieferant auch als feuchtigkeitsspendend |
Die Grenze ist nicht immer scharf. Manche Gele werden als lang wirkend und als Feuchtigkeitsgel verkauft, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2012, die Polymere darin sollen an der Schleimhaut haften. Die WHO gibt das ausdrücklich als Behauptung der Hersteller wieder. Ob ein bestimmtes Produkt das leistet, zeigt erst eine Prüfung genau dieses Produkts.
Welche Basis bei Trockenheit?
Der NHS nennt Gleitmittel auf Wasserbasis. Es passt laut Planned Parenthood, einer Gesundheitsorganisation in den USA, auch zu jedem Toy und jedem Kondom. Silikon-Gleitgel gleitet länger, enthält aber kein Wasser, und darum lassen sich zwei Werte, die bei Trockenheit eine Rolle spielen, gar nicht messen, nämlich Osmolalität und pH-Wert (Edwards und Panay, 2016). Was die Grundlagen sonst unterscheidet, steht im Ratgeber Gleitmittel: Wasser, Silikon oder Öl. Die Auswahl findest du unter Gleitgel auf Wasserbasis und Gleitgel auf Silikonbasis.
Osmolalität und pH-Wert verstehen
Die Osmolalität sagt, wie viele Teilchen in einem Kilogramm Gel gelöst sind. In ihrer Empfehlung von 2012 nennt die WHO für das Scheidensekret 260 bis 290 mOsm/kg. Die meisten Gleitmittel im Handel lagen damals bei 2000 bis 6000. Mehrere Arbeiten deuten darauf hin, dass so hohe Werte die Schleimhaut von Vagina und Darm schädigen könnten. Für den Darm wurde das bei zehn Freiwilligen bestätigt. Ideal wären laut WHO höchstens 380 mOsm/kg. Weil das kaum ein Produkt schaffte, empfahl sie für den Einkauf vorläufig eine Grenze von 1200. In ihrer Spezifikation von 2020 verlangen WHO und UNFPA für Gele auf Wasserbasis weniger als 1200 mOsm/kg und einen pH-Wert zwischen 5,0 und 7,0, mit dem Hinweis, die Grenze werde überprüft.
Beim pH-Wert ist es komplizierter. Eine gesunde Vagina liegt laut WHO bei 3,8 bis 4,5, der Enddarm nahe bei 7. Ideal wäre für die Vagina ein Gel um 4,5, für den Po eines zwischen 5,5 und 7. Beides in einem Produkt geht nicht, schreibt die WHO selbst. Edwards und Panay raten, ein Gel zu wählen, das bei Osmolalität und pH dem natürlichen Sekret möglichst nahe kommt.
Die Inhaltsliste lesen
Die beiden Zahlen stehen fast nie auf der Packung. Was dort steht, sind Inhaltsstoffe, und einige davon verraten mehr, als man denkt. Manche bekannte Gleitmittel nennen ihre Inhaltsstoffe auf der Packung gar nicht, beobachteten Edwards und Panay.
| Angabe | Was dahintersteckt | Worauf du achtest |
|---|---|---|
| Glycerin, Propylenglykol | Feuchthaltemittel, bestimmen bei den meisten Gelen die Osmolalität | Unter 1200 mOsm/kg bleibt ein Gel laut WHO nur mit höchstens 9,9 % Glycerin oder 8,3 % Propylenglykol. Ohne Prozentangabe lässt sich das nicht abschätzen. |
| «wärmend» | enthält laut WHO oft viel Propylenglykol | bei empfindlicher, trockener Schleimhaut genau prüfen |
| Parabene, Sorbinsäure, Phenoxyethanol, Benzoesäure | Konservierungsmittel, die ein Gel auf Wasserbasis braucht | Sie können bei manchen Menschen reizen oder sensibilisieren. Hast du reagiert, vergleich die Liste mit dem nächsten Produkt. |
| Polyquaternium | Hilfsstoff, der in einer Laborstudie mit stärkerer Vermehrung von HIV einherging | Die WHO rät, ihn zu meiden, bis seine Rolle geklärt ist. |
| Dimethicone und andere Silikone | Silikonbasis, kein Wasser | keine Osmolalität, kein pH-Wert |
| Duft- und Farbstoffe | Zusätze ohne Funktion beim Gleiten | WHO und UNFPA schliessen zugesetzte Duft- und Farbstoffe beim Einkauf aus. |
Ein Gel für den Po und eines für die Vagina dürfen also verschieden sein. Gele für den Po stehen unter Anal-Gleitgel.
Darf ich Körperlotion, Vaseline oder Öl nehmen?
Besser nicht. Cremes, Lotionen und Pflegeprodukte, die nicht für die Vagina gedacht sind, können sie reizen oder eine Infektion begünstigen, schreibt der NHS. Für die Intimpflege reichen parfümfreie Produkte. Mit Kondomen kommt ein zweites Problem dazu. Latex verliert durch Öl schnell an Festigkeit, und die WHO zählt Babyöl, Kokosöl, Mineralöl, Vaseline sowie Körper- und Handlotion zu den Produkten, die nie mit Latexkondomen zusammenkommen sollen. Mehr dazu im Ratgeber Kondome und Gleitmittel.
Wann zur Ärztin oder zum Arzt?
Wenn die Trockenheit seit einigen Wochen besteht und deine eigenen Versuche nicht helfen, wenn sie den Alltag beeinträchtigt, bei ungewöhnlichem Ausfluss und bei Blutungen nach dem Sex, zwischen den Perioden oder nach der Menopause. So nennt es der NHS. Blutungen nach der letzten Periode gehören immer abgeklärt.
In der Praxis gibt es weitere Möglichkeiten. Der NHS nennt Östrogen als Creme, Gel, Pflaster oder Medikament, und er betont, dass das nicht für alle passt. Nach der NAMS reichen frei verkäufliche Mittel ohne Hormone bei leichten Beschwerden meist aus, für mittlere bis starke Beschwerden nennt sie unter anderem niedrig dosiertes Östrogen in der Vagina. Ob das für dich in Frage kommt, besprichst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, nach einer Brustkrebserkrankung auch mit der Onkologie. Wir verkaufen dafür nichts und empfehlen auch nichts.
Liegt es manchmal einfach an zu wenig Erregung?
Manchmal ja, und das ist keine Ausrede. Der NHS zählt fehlende Erregung zu den Ursachen und rät, verschiedene Formen des Vorspiels auszuprobieren. Mehr Zeit und Berührung ausserhalb der Vagina sind dann einen Versuch wert, ein Toy für die Klitoris ebenso (wie sie gebaut ist, erklärt der Ratgeber Klitoris verstehen). Wie du ein erstes Toy für aussen auswählst, steht im Ratgeber Erster Vibrator.
Toys, Pflege und die Schweizer Empfehlung
LOVE LIFE, die Kampagne des Bundesamts für Gesundheit, rät bei Sexspielzeug zu Gleitmittel, weil es das Risiko von Hautverletzungen senkt. Bei trockener Schleimhaut gilt das erst recht. Nimm lieber zu viel als zu wenig, und leg nach, sobald es reibt. Ein Toy aus Silikon verträgt Gleitgel auf Wasserbasis immer, bei Silikon-Gleitgel hängt es vom Toy ab. Welche Materialien wie reagieren, erklärt der Ratgeber Sextoy-Materialien.
Zur Pflege sagt LOVE LIFE etwas, das bei Trockenheit leicht untergeht. Vulva und Penis reinigst du am besten nur mit Wasser, und regelmässige Spülungen können das Gleichgewicht der Bakterien auf der Schleimhaut stören. Das passt zum Rat des NHS, parfümierte Waschlotionen und Intimduschen wegzulassen. Wer trocken ist, pflegt also eher weniger als mehr.
Typische Fehler
- Das Gel mit dem schönsten Versprechen nehmen. «Lindert die Symptome der Genitaltrockenheit» oder «reduzieren das Risiko von Pilzinfektionen» stehen so in Lieferantentexten. Messwerte sind das nicht.
- Ein Gleitmittel als Dauerpflege benutzen und sich wundern, warum es am nächsten Tag wieder brennt. Dafür sind Feuchtigkeitsgele gedacht.
- Bei Brennen zu einem wärmenden Gel wechseln. Solche Gele enthalten laut WHO oft viel Propylenglykol.
- Blutungen nach der Menopause mit Gleitgel überspielen. Sie gehören in die Praxis.
Was das für dich heisst, ist schlicht. Ein Etikett «für die Wechseljahre» brauchst du nicht zu suchen, bei uns gibt es keines. Lies die Inhaltsliste, frag beim Hersteller nach den beiden Zahlen, wenn sie fehlen, und fang mit einer kleinen Menge an. Mehrere Sorten kannst du über Gleitgel in Einzelportionen ausprobieren, bevor eine grosse Flasche im Schrank steht. Von pjur gibt es Gele auf Wasser- und auf Silikonbasis, von Swede unter anderem ein Gel auf Wasserbasis, für das der Lieferantentext einen pH-Wert von 4,5 nennt.
